ZEHN - Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen

Es geht auch anders! Veggie-Day als Erfolgsmodell

Was auch heute noch in Debatten über Bevormundung und Klimaschutz endet, ist seit 2012 in Göttingen ein wahres Erfolgsmodell: der Veggietag. Mittlerweile sind dort zahlreiche Kitas, Schulen, Kantinen, Restaurants und Einzelhandelsgeschäfte aufgesprungen, um eine pflanzenbetontere Ernährung voranzubringen – und das nicht nur an einem Tag der Woche. Wir schauen mit Irmela Erckenbrecht, Vorsitzende des Veggietag Göttingen e.V., auf die letzten 10 Jahre, Sorgen und Erfolgsfaktoren.

Irmela Erckenbrecht
© Irmela Erckenbrecht

Frau Erckenbrecht, die Stadt Göttingen praktiziert seit Jahren den Veggietag. Schildern Sie uns doch einmal, was in den Mensen, Kantinen und Restaurants umgesetzt wird.

Die offizielle Einführung des Veggietags per Stadtratsbeschluss in Göttingen bedeutete ursprünglich, dass an einem Tag der Woche in allen städtischen Kitas, Schulen und Kantinen ausschließlich vegetarische Gerichte angeboten werden. Darüber hinaus haben sich gleich zu Beginn andere Institutionen wie mehrere private Kitas, ein Göttinger Alten- und Pflegeheim sowie das Frauenhaus dem Veggietag angeschlossen. Auch etliche Restaurants konnten wir dafür gewinnen, an diesem Tag – ursprünglich am Donnerstag – ein besonderes vegetarisches Angebot bereitzuhalten und zum Beispiel per Aufsteller mit Hinweis auf den Veggietag zu bewerben.

Und dann?

Allen anfänglichen Unkenrufen zum Trotz kam der Veggietag in den Kitas und Schulen so gut an, dass nach fünf Jahren ein zweiter Veggietag pro Woche eingeführt wurde. 2022 – also pünktlich zum 10-jährigen Jubiläum – kam dann sogar noch ein dritter Veggietag dazu. Das heißt: Heute wird an drei Tagen der Woche vegetarisch gegessen, an einem Tag der Woche gibt es ein Fleischgericht und an einem anderen Tag ein Fischgericht. Ein vegetarisches Angebot gibt es in einer zweiten Menülinie aber grundsätzlich an allen Tagen der Woche, sodass sich, wer möchte, rund um die Woche vegetarisch verköstigen kann. 

Das ist ein starkes Bekenntnis zur pflanzenbetonteren Ernährung. Ist die Teilnahme am Veggietag für die Einrichtungen freiwillig oder von der Stadt vorgegeben? Wie stehen die Einrichtungen der Initiative gegenüber?

Die Teilnahme ist von der Stadt vorgegeben. Wir haben das große Glück, dass die Stadt Göttingen drei eigene Produktionsküchen besitzt, von denen aus sie täglich alle ihre Kitas und Schulen mit frisch zubereiteten Speisen versorgt. Eine sehr kompetente, bei der Stadt angestellte Ökotrophologin, koordiniert die Küchen. Unterstützt wird sie von äußerst engagierten, an der Sache interessierten Köchinnen und Köchen. Sie entwickeln ständig neue Rezepte, bereiten alles frisch zu und setzen alles daran, dass es an den Veggietagen so lecker schmeckt, dass niemand das Fleisch vermisst. Beim Klassiker Spaghetti Bolognese setzen wir zum Beispiel auf selbstgemachte Linsenbolognese statt auf fertig gekaufte Fleischersatzprodukte. Bei unserem Jubiläumsfest auf dem Göttinger Marktplatz haben sie tausende leckere Kostproben ausgegeben und ihr Stand war den ganzen Tag über regelrecht belagert. Leckeres vegetarisches Essen ist das beste Argument für den Veggietag! 

Aus welchen Gründen unterstützen Sie es in Göttingen, an einem oder mehreren Tagen vegetarisch zu essen?

Für eine pflanzenbetonte Ernährung gibt es aus unserer Sicht fünf gewichtige Gründe: die Tiere, die Umwelt, die Gesundheit, die gerechtere Verteilung von Nahrungsmitteln und den Klimaschutz. Auch wenn uns alle diese Gründe wichtig sind, haben wir in Göttingen von Anfang an den Klimaschutz in den Vordergrund gestellt und damit, glaube ich, auch die Abgeordneten im Stadtrat für unsere Idee gewinnen können. Wir sind seit Jahren im Klimabündnis der Stadt aktiv und nehmen regelmäßig an allen von der Stadt durchgeführten Aktionen zum Klimaschutz teil. Ein wichtiger Teil unserer Überzeugungsarbeit vor der Einführung des Veggietags war ein Kurzfilm, in dem wir aufgezeigt haben, wie eng der Zusammenhang zwischen Ernährung und Klimaschutz ist und welch großen Einfluss eine Umstellung der Ernährung haben kann. Dabei geht es gar nicht darum, dass sich alle ab sofort vegetarisch ernähren sollen. Der Veggietag versteht sich als bewusst niedrigschwellige Einladung, öfter fleischfrei zu genießen. Unser Motto: Jede Mahlzeit zählt!

Der bundesweite Vorstoß für einen Veggie-Day pro Woche von BÜNDNIS90 / Die Grünen im Jahr 2010 hat dagegen für viel Aufruhr gesorgt, der zeitweise auch heute noch hochkocht. Die Sorge, beim Fleischverzehr bevormundet zu werden, ist groß. Stehen Sie auch in Göttingen vor dieser Kritik?

Ganz zum Anfang spielte das sicherlich auch in Göttingen eine Rolle. Wir haben alle Fraktionen im Stadtrat besucht und versucht, sie mit unseren Argumenten zu überzeugen und dabei bewusst von der ideologischen Polarisierung zur sachlichen Argumentation gelenkt. Am Ende ist uns das gelungen, aber es hat gedauert. Nach zweijähriger beharrlicher Überzeugungsarbeit hat im Stadtrat eine deutliche Mehrheit für die Einführung des Veggietages gestimmt. Diese politische Willensbildung war mühsam, aber notwendig. Sie gab dem Veggietag die nötige Legitimation und Unterstützung. Im Übrigen haben wir uns auch immer an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) orientiert, die ja inzwischen ebenfalls ganz in unsere Richtung gehen. Als die ideologische Hürde überwunden und der Veggietag erst ein einmal eingeführt war, wurde er ganz von allein zum Selbstläufer und zur Erfolgsgeschichte.

Was können Sie aus den Erfahrungen der letzten 10 Jahre anderen Kommunen mit auf den Weg geben, um eine Thematik voranzubringen?

Das Problem anpacken und die eigenen Ideen beharrlich weiterverfolgen! Und dabei politische Unterstützung sichern – die Veränderungen müssen politisch gewollt sein und von einer Mehrheit getragen werden. Wichtig ist auch die Vernetzung mit anderen Organisationen außerhalb der Politik. Wir hatten dazu einen "Runden Tisch Veggietag“ gegründet und dazu auch Organisationen wie die DEHOGA (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband e. V.) und das Studentenwerk eingeladen. Hilfreich ist außerdem, Fachleute zu gewinnen, die mit ihrer Kompetenz der Argumentation zusätzliches Gewicht verleihen. Last but not least haben wir zwei charmante Schirmherrinnen als Sympathieträgerinnen: die Göttinger Fernsehköchin Jacqueline Amirfallah, die bei größeren Events zum Beispiel mit Live-Cooking-Aktionen für uns als Publikumsmagnet wirkt, und das Göttinger Gänseliesel, das die bekannte Cartoonistin Renate Alf für uns als inzwischen stadtbekanntes Logo gestaltet hat.

 

Frau Erckenbrecht, ein wirklich beeindruckender Weg, den Sie in Göttingen mit viel Ausdauer, Fachlichkeit und Überzeugung geleistet haben. Vielen Dank für das interessante Gespräch und die wertvollen Tipps, die auch für andere Akteur*innen und Kommunen sicherlich hilfreich sind.

Gänseliesl
© Renate Alf