ZEHN - Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen

Kennen Sie sich mit Apfelsorten aus? Ein Pomologe weiß Bescheid!

Pomologen sind Experten auf dem Gebiet der Obstbaukunde. Sie setzen sich u.a. für den Obstbau ein, sammeln und kümmern sich um den Erhalt alter, vom Aussterben bedrohter Sorten oder züchten zum Teil neue. Sie können die vielen verschiedenen Sorten bestimmen, die auf unseren Wiesen wachsen und wissen, wann ein guter Erntezeitpunkt ist. Dr. Dankwart Seipp ist seit über 60 Jahren im Bereich Obstbau tätig und hat als Pomologe mit uns über Pflückreife, alte Sorten und die regionale Vielfalt gesprochen.

Dr. Dankwart Seipp
© Dr. Dankwart Seipp

Wie kam es dazu, dass Sie Pomologe wurden? Was finden Sie an Obstbäumen und ihren Früchten so faszinierend?

Schon als Jugendlicher habe ich mich für Obstgehölze interessiert. Deshalb habe ich 1962 eine Ausbildung zum Gärtner begonnen und anschließend ein Gartenbaustudium absolviert. Weitere Stationen waren die Leitung des Versuchsbetrieb bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und der Lehr- und Versuchsanstalt Bad Zwischenahn (LVG). Anlässlich der Landesgartenschau 2002 in Bad Zwischenahn habe ich den ersten Apfeltag dort organisiert und zusammen mit einigen Bekannten auch die Apfelsortenbestimmung durchgeführt. Als Pomologe im engeren Sinne bin ich also erst seit dieser Zeit aktiv. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist das Apfelsortenbuch „Apfelsorten in Deutschland“.

Was sind die typischen Aufgaben eines Pomologen?

Typische Arbeiten eines Pomologen sind die Bestimmung von Baumobstsorten und deren Erhalt. Hierbei ist die Zusammenarbeit mit anderen Pomologen wichtig.

„Alte Sorten“ sind bei Äpfeln wieder gefragt. Was ist das Besondere an ihnen?

Das Interesse an alten Apfelsorten hat stark zugenommen. Grund ist in erster Linie die Robustheit der meisten alten Sorten gegenüber Krankheiten wie Schorf oder Mehltau, deshalb können sie auch ohne chemischen Pflanzenschutz angebaut werden. Einige alte Sorten sind allergenarm, aber es gibt auch neue Sorten, die gut verträglich für Allergiker sind.

Stimmt es, dass auf Niedersachsens Obstbäumen eine viel höhere Vielfalt hängt, als wir im Supermarkt kaufen können? Können Sie erklären, woran das liegt?

Natürlich ist die Sortenvielalt auf den Obstwiesen um ein Vielfaches größer als das Angebot in den Läden, wo meist nur 6 – 10 Sorten im Angebot sind und diese Sorten möglichst ganzjährig. Der Handel benötigt große einheitliche Mengen der einzelnen Sorten, die gibt es im Streuanbau nicht. Nicht gängige Obstsorten werden oft individuell verwertet und gebraucht. Aber sie kommen nicht in den Lebensmittelhandel. Meist werden sie zu Saft verarbeitet. Unsere Obstwiesen bieten eine riesige biologische Vielfalt an Wildpflanzen, Tieren und Insekten. Aber ein gut geführter Erwerbsobstbetrieb mit integriertem Anbau ist auch ökologisch wertvoll.

Wo und wie kann ich als Obstbaumeigentümer*in die Sorte meines Baumes herausfinden?

Regional werden im Herbst Apfeltage angeboten, an denen man seine unbekannten Apfelfrüchte vorlegen und bestimmen lassen kann, z.B. am 3. Oktober im Park der Gärten in Bad Zwischenahn. Es gibt auch eine umfangreiche Literatur zu Apfelsorten. Damit ist eine Bestimmung für den Laien aber nicht ganz einfach.

Im kommenden Herbst werden wieder viele Pflücker*innen Äpfel und Birnen von Bäumen mit dem Gelben Band ernten. Gibt es Dinge bei der Ernte, die beachtet werden sollten, z.B. um Obst und Bäumen nicht zu schaden? Kann auch Fallobst problemlos eingesammelt werden?

Bei der Obsternte von Bäumen auf Obstwiesen oder Obstalleen müssen auch einige Dinge beachtet werden. Durch den Befall vieler Früchte mit der Raupe des Apfelwicklers fallen diese vorzeitig ab. Sie können verwertet werden, wenn sie nicht angefault sind und man die Befallstellen ausschneidet. Das bedeutet aber nicht, dass die Äpfel an diesem Baum schon reif sind. Das dauert dann meist noch drei bis vier Wochen. Generell kann Fallobst aufgesammelt werden.

Schade ist es, wenn jede*r einen unreifen Apfel pflückt, um zu merken, dass dieser noch ganz sauer ist. Wie lässt es sich erkennen, dass die Äpfel und Birnen reif sind?

Wenn Äpfel und Birnen sich beim Anheben leicht lösen, ohne dass die Fruchtspieße abbrechen, sind sie pfückreif. Bei Sommer- und Herbstsorten bedeutet das auch gleichzeitig die Genussreife. Bei Lagersorten beginnt die Genussreifen einige Wochen später. Die Reife lässt sich auch daran erkennen, dass die meist grüne Grundfarbe der Früchte in eine gelbe Farbe übergeht, das Chlorophyll in der Schale wird abgebaut. Die Rotfärbung hängt von der Sorte und der Sonneneistrahlung ab. Schattenfrüchte werden nicht rot. Braune Kerne sind kein Kriterium für die Reife. Früh- und Herbstäpfel haben bei der Reife oft noch helle Kerne. Man kann Bäume auch schütteln, sodass die reifen Früchte herunterfallen. Abschlagen der Früchte mit Stangen o.ä. schädigt das Fruchtholz mit den Blütenknospen für das nächste Jahr.

Manchmal haben diese selbst gesammelten Äpfel eine veränderte Schale oder das Fleisch hat kleine (bräunlich-rote) Flecken. Können diese Äpfel auch gegessen werden?

Früchte von Obstwiesen haben nicht immer eine makellose Schale. Manchmal gibt es leichte grauschwarze Schorfflecken. Man kann sie abschälen oder mitessen, sie sind nicht gesundheitsschädlich. Braune Stellen dicht unter der Schale (Stippen), sind Folgen einer Ernährungsstörung wie z.B. Calciummangel. Das ist häufig bei großfrüchtigen Sorten wie Boskoop oder Jakob Lebel und bei sehr starktriebigen Bäumen nach zu scharfem Schnitt der Fall. Wenn der Befall nicht zu stark ist kann man diese Früchte zu Saft verarbeiten, als Tafelapfel ist er meist nicht mehr lecker.

Wie wird die Ernte zuhause am besten gelagert?

Eingelagert werden sollten nur gesunde, heile Früchte. Lagersorten sollten dunkel und kühl gelagert werden. Dabei darf der Raum nicht zu trocken sein, sonst schrumpeln die Früchte. Ideal sind Erdkeller, natürlich auch Kühlräume oder Kühlschränke. Eine Lagerung in Folienbeuteln (ca.5 kg) in einem kühlen Raum hat sich auch bewährt. In wöchentlichen Abständen sollten die Früchte auf Fäulnis kontrolliert werden.

Gibt es Tipps, wenn meine Obstbäume nicht mehr reichlich tragen?

Ältere, vergreiste Apfelbäume sollten ausgelichtet werden, um neues Fruchtholz zu bekommen. Ein zu scharfer Schnitt muss aber vermieden werden.

Angenommen, es soll ein neuer Apfelbaum gepflanzt werden. Gibt es Sorten, die für Niedersachsen typisch sind oder für den Erhalt alter Sorten besonders sinnvoll?

Eine allgemeine Sortenempfehlung zu geben ist schwer, wenn man den Standort nicht kennt. Es gibt aber eine Reihe von zuverlässigen Baumschulen und Gartencentern in ganz Niedersachsen die regional gut beraten können.

Haben Sie ein Lieblingsrezept für Äpfel, die nicht direkt in den Mund wandern?

Apfelkuchen in den verschiedensten Rezepten schmeckt immer. Apfelsaft ist auch immer wieder eine Erfrischung.

 

Lieber Dr. Seipp, vielen Dank für das Interview und die wertvollen Tipps für Selbstpflücker*innen und Obstbaumbaumeigentümer*innen. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Freude und Erfolg für Ihre Arbeit!