Fisch kaufen – alles andere als leicht gemacht?

Zum Mittag gibt’s Fisch – so der Plan. Beim Anblick der Vielfalt in der Tiefkühltruhe kommen dann die ersten Zweifel. Wofür steht nochmal das MSC-Siegel? Und welcher Fisch wurde in Deutschland gefangen? Viele von uns sind beim Kauf von Fisch und Fischprodukten so überfordert, wie damals im Physikunterricht, wenn es ans Umstellen von Formeln ging. Die Gedanken an Nachhaltigkeit und Überfischung bewegen immer mehr Menschen. Mithilfe von drei Expertentipps fällt nachhaltiger Fischkauf ganz leicht.

Fische - © Free-Photos -Pixabay

Nur jeder fünfte Fisch den wir essen, stammt aus Deutschland. Der größte Fischereihafen Deutschlands liegt deshalb nicht, wie viele von uns Norddeutschen vermuten, in Hamburg oder Bremerhaven/Cuxhaven, sondern in Frankfurt am Main. Im Jahr 2019 kamen rund 10 Prozent des nach Deutschland importierten Seefisches aus China, das zeigt der Jahresreport vom Fischinformationszentrum e.V.. Doch wie nachhaltig werden Fischbestände in China und anderen Ländern befischt? Die Vielzahl an Herkunftsländern und Fanggebieten erschwert es, den Überblick zu behalten.

Stufe 1: Herkunft herausfinden
Philipp Oberdörffer ist Fischereiexperte bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und kann die Unsicherheit der Konsument*innen gut nachvollziehen. Ganz allgemein und vereinfacht ist  Fisch aus Aquakultur eine gute Wahl, um die Bestände im Meer zu entlasten. Zur Aquakultur gehören zum Beispiel Forellenfarmen oder die Lachszucht in Netzgehegen.

Doch auch Seefisch ist nachhaltig, es kommt jedoch auf die richtige Bewirtschaftung an. „Je nachdem wie intensiv ich mich mit dem Thema beschäftigen möchte, gibt es beim Fischkauf Anhaltspunkte für die Umstände, unter denen Fisch gefangen wurde, an denen ich mich als Verbraucherin oder Verbraucher orientieren kann“, erklärt der Fachmann. Ein grundsätzlicher Tipp des Experten: auf die Herkunft des Fisches achten. Laut Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz müssen Hersteller auf Tiefkühlverpackungen die Herkunft/ das Fanggebiet des Produktes angeben. Die Angaben auf der Verpackung sind oft allerdings nicht so leicht zu verstehen. Stiftung Warentest hat sich die Verpackungen von 21 Zucht- und Wildlachsen genauer angeschaut. Das Ergebnis: Käufer*innen wird es oft nicht leicht gemacht. Einige Hersteller geben einen Trackingcode oder QR-Code an, bei anderen Produkten müssen Verbraucher*innen selbst recherchieren. Doch: Die Recherche lohnt sich. Denn schon die Herkunft kann ein Indiz dafür sein, unter welchen Voraussetzungen gefischt wird: Kommt der Fisch beispielsweise aus der EU, wurde er auch nach EU-Gesetzen gefangen. Was die Herkunft des Fisches betrifft, hat der Fischereiexperte eine klare Empfehlung: „Der Nordost-Atlantik hat sich in den letzten Jahren zum Besseren entwickelt: Über 90 % des Fisches stammen aus nachhaltig befischten Beständen“. Im Mittelmeer dagegen würden zwar EU-Gesetze gelten. Allerdings seien dort bisher kaum nachhaltige Strukturen vorhanden. Denn: Laut Oberdörffer ist die Fischerei dort kleinstrukturierter aufgebaut und daher schwieriger zu managen, auch der Austausch mit anderen Ländern, nicht-EU-Ländern wie Marokko sei komplizierter. „Das Problem ist, Fische kennen keine administrativen Grenzen“, erklärt der Experte. Im asiatischen Raum und in Bereichen rund um Afrika müssen Fischflotten sich nicht an europäische Regeln halten. „Sobald man auf die Hohe See kommt, gibt es kaum noch Regelungen, da ist ‚Wild West‘“. Zwar sind europäische Fahrzeuge auch hier verpflichtet, sich an die europäischen Spielregeln zu halten. Außereuropäische Mitbewerber müssen dies jedoch nicht!

Stufe 2: Labels liegen über dem Standard
Im Vergleich zu der teils schwieriger erkennbaren Herkunft stechen Labels auf Verpackungen schnell ins Auge. Ein weiterer Tipp für bewusstere Fischesser*innen von Philipp Oberdörffer lautet daher: sich mit den unterschiedlichen Plaketten auseinandersetzen. Zum Beispiel mit der Kennzeichnung des Marine Stewardship Council (MSC). Das weltweite Siegel wird immer wieder von Naturschutzverbänden kritisiert. Das MSC-Siegel würde „zu früh im Prozess vergeben […]. Die Zertifizierung wird an Fischereien vergeben, die einem ersten Set von Standards gerecht werden und die einen Aktionsplan verabschieden, um die Fischerei in der Zukunft zu verbessern“, so heißt es auf der Website von Greenpeace. Philipp Oberdörffer kennt diese Kritik, schätzt das Siegel aber, da es Prozesse in die richtige Richtung anschieben würde. „Ich habe das MSC-Label für Seelachs, Dorsch und Krabben miterarbeitet. Bei allen Fischereien, die ich kenne, ist eine Menge passiert“, so der Fachmann. Wenn es darum geht, Label erst zu verteilen, wenn Fischereien alle Vorgaben erfüllen oder die, die etwas ändern möchten, von Anfang an zu unterstützen, hat Philipp Oberdörffer eine klare Meinung: „Wenn eine Fischerei sich auf den richtigen Weg begibt, sollte sie den Wettbewerbsvorteil, den das MSC-Siegel bringt, ruhig für sich nutzen dürfen.“

Beim MSC-Siegel bewertet ein Team aus drei Experten den Zustand des befischten Bestandes, den Einfluss der Fischerei auf die Meeresumwelt und das Management der Fischerei. Das Gutachter-Trio vergibt, je nach Ergebnis, bis zu 100 Punkte. Wer über 80 Punkte erreicht, erhält das Siegel. Auch Fischereien, die lediglich 60-80 Punkte erhalten, dürfen das MSC Siegel tragen, bekommen jedoch Auflagen von den Gutachtern, die innerhalb bestimmter Fristen abgearbeitet werden müssen. Ob die Fischereien die Auflagen erfüllen, überprüfen Auditoren des MSC einmal jährlich.

Stufe 3: Fischbestände online

Für alle, denen die Labels beim Fischkauf nicht genügen, hat Philipp Oberdörffer einen Expertentipp: Die  Website www.fischbestaende-online.de. Die Seite liefert Informationen rund um die Fischbestände in den Meeren, wissenschaftlich belegt. Hinter der Seite steht das Thünen-Institut, das in Deutschland für die Begutachtung der kommerziell genutzten Fischbestände zuständig ist. Auf der Seite zeigt das Thünen-Institut, welche Fischarten in welchen Meeren gefangen werden. Gleichzeitig gibt es eine ausführliche Information zu Hering, Heilbutt und Co., die anzeigt, in welchen Meeren der jeweilige Fisch „übernutzt“, also zu viel gefangen bzw. „unternutzt“ ist, also in ausreichender Menge vorhanden ist. So wird beispielsweise deutlich, dass der Hering im Jahr 2020/2021 in der irischen See unternutzt-, der Bestand in der zentralen bzw. westlichen Ostsee dagegen übernutzt wurde. Mithilfe dieser Hintergrundinformationen und der Herkunftsangabe auf der Verpackung, lässt sich herausfinden, ob der Fisch bedenkenlos gekauft werden kann. Die Website erspart Fischkäufer*innen zwar nicht den Rechercheaufwand, ist aber ein Tool, das zuverlässige Informationen gibt und eine Einstufung von Seiten der Verbraucher*innen ermöglicht.

Wie oft und warum Fisch essen?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, einmal wöchentlich 150 g Fisch zu essen. Wichtig ist dabei, zwischen fettem Fisch (wie z.B. Lachs, Hering, Forelle oder Karpfen), der langkettige Omega-3-Fettsäuren enthält und Seefisch (wie z.B. Kabeljau und Rotbarsch), der Jod enthält, zu variieren. Aber: 150 g Fisch sind dabei eine eher kleine Portion. Gewohnte Portionsgrößen entsprechen 180g bis 200g. Fisch sollte daher eine Beilage sein, Gemüse dagegen der Hauptbestandteil der Mahlzeit. Auch die DGE weist in ihren Qualitätsstandards darauf hin, dass viele Fischarten mittlerweile überfischt sind und empfiehlt, beim Einkauf auf nachhaltige Fischerei bzw. nachhaltig betriebenen Aquakulturen zu achten. Die DGE empfiehlt das MSC-Label, bzw. bei Fisch aus Aquakultur die Kennzeichnung des Aquaculture Stewardship Council (ASC) zu berücksichtigen. Wer sich vegetarisch ernährt und daher auf Fisch im Speiseplan verzichtet, sollte darauf achten, ausreichend Leinöl, Nüsse und Ölsaaten aufzunehmen, sodass der Körper ausreichend mit den langkettige Omega3-Fettsäuren versorgt ist.

Fakt ist: Fisch ist gesund, gleichzeitig müssen wir die Nachhaltigkeit berücksichtigen, um den Bestand der Weltmeere zu schützen. Sachlich korrekte Informationen rund um das Thema Überfischung sind nicht immer einfach zu finden. Wer auf Herkunft und Siegel achtet oder sogar noch einen Schritt weitergeht und sich einen Überblick über die Fischbestände der einzelnen Fanggebiete verschafft, kann durch bewussten Kauf zu einer nachhaltigeren Fischerei beitragen. Um schon Kinder mit Hintergründen der Fischerei und der Bedeutung der nachhaltigen Nutzung unserer Meere vertraut zu machen, gibt es in Niedersachsen übrigens seit 2008 ein Projekt, das Kinder mit Grundlagen der Fischereiwirtschaft vertraut macht: In Neuharlingesiel, Cuxhaven und Greetsiel sind in Zusammenarbeit der Uni Vechta und des Kompetenzzentrums Regionales Lernen drei außerschulische Lernstandorte entstanden, in denen Schüler*innen Einblicke in die regionale Küstenfischerei bekommen.

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